Was sagst du zu Menschen, die den Ich-Gedanke ("Ego") einfach ignorieren und sagen, dass der sich ja eh nie auflöst, und dass eh alles Einheit sei?
Wenn sogenannte "Einheits-Konzepte", und das gilt übrigens für Konzepte ganz im Allgemeinen, auf den menschliche Verstand treffen, können im Prinzip zwei Dinge geschehen:
1.) Entweder der Verstand beschäftigt sich damit
oder
2.) er lässt es sein, wobei ich dir diese zweite Variante schmackhaft machen möchte.
Im ersten Fall wird der Verstand versuchen, Einheit mittels Gedankengebäuden zu erklären, festzuhalten, zu konservieren und zu institutionalisieren. Er wird so im Laufe der Zeit zwangsläufig das Konzept "Einheit" für alle möglichen Zwecke missbrauchen und damit alles zu rechtfertigen versuchen. Religionen sind auf diese Weise entstanden.
Im zweiten Fall kann es geschehen, dass die Identifikation mit einem persönlichen Ich und somit das Konzept "Einheit" verschwindet. Was bleibt, ist immer noch Einheit, die natürlich auch im ersten Fall ebenfalls da ist.
Beide Fälle sind Ausprägungen des Lebens, oder besser gesagt, es sind Ausprägungen der Einheit, die das Spiel des Lebens spielt. Es sind Wellen auf dem Ozean der Einheit, der DU bist.
Ein kleine Anekdote zum Schluss: Als ich und somit mein Verstand vor Jahren las, dass Zeit gar nicht existiere, versuchte ich mich an den zeitlosen Zustand zu gewöhnen, indem ich meine Armbanduhr, die ich bis dahin immer trug, für viele Jahre ablegte, auch wenn ich im Grunde Armbanduhren immer sehr schön fand. Nachdem mit der Identifikation mit einem persönlichen "Ich" gleichzeitig Zeit und Raum verschwanden, war eine meiner ersten Handlungen die, meine Armbanduhr wieder anzulegen, da sie ganz einfach im täglichen Leben äusserst praktisch ist und erst noch schön aussieht.
Wie würdest Du den Zustand des "Plötzlichen-Bewusstwerdens-des-Einfach-Seienden" mit Deinen Worten treffend beschreiben? Der Begriff "Erleuchtung" ist sehr irreführend für einen Neu-Sucher. Dasselbe ist es mit dem Begriff "Erwachen". Ist "Wissendes-Weiterschlafen" oder "Sehendes-Blindsein" zutreffender?
Ich kann Dir versichern, dass auch für einen gestandenen Alt-Sucher der Begriff "Erleuchtung" recht irreführend sein kann. Damit ein enthusiastischer Neu-Sucher aber zu keinem frustrierten Alt-Sucher wird, lege ich ihm nahe, folgende Worte zu beherzigen:
Es gibt keinen Zustand im eigentlichen Sinne. Vergiss dieses Wort. Es muss NICHTS geändert werden, da JETZT alles vollkommen ist. Also höre gleich wieder mit dem Suchen auf und gehe ins Kino, wenn dies zu deinen Vorlieben gehört.
Das, was du suchst, ist JETZT da und es kann nie gefunden werden, da der Sucher und das Gesuchte dasselbe sind.
Ich würde dem, was du suchst, "Existenz" sagen. Lebendig sein. Eine Art unpersönlicher Grundton von Existenz, welcher, da er unpersönlich ist, ALLES umfasst. Der Witz ist nun, dass dieser Grundton von Existenz auch genau JETZT bei dir da ist, du willst ihn einfach nicht wahrhaben und dein Verstand versucht, ihn zu finden und zu erklären. Das ist vollkommen UNNÖTIG. Nichts muss getan werden.
Hier noch ein dualistisches Betthupferl für dich:
Trage, wenn du glaubst, unbedingt etwas tun zu müssen, einfach immer ein Gefühl in dir, wie es wäre, wenn du das, was du suchst, schon gefunden hättest.
Was ist es, das sich durch dich mitteilt? Geschieht überhaupt etwas, wenn wir deinen Satsang besuchen? Die "Neulinge" fassen doch alles erst einmal mit dem Verstand auf. Sie müssen quasi das Gelesene erst komplett loslassen, um ES zu finden? Es reicht also nicht, wenn du uns sagst, dass wir nicht blind sind. Wir müssen uns bewusst werden, dass das SEHEN immer ist?
Wenn du zu einem Lehrer gehst, nimmst du, bewusst und unbewusst, mit deinem Verstand und mit all deinen Sinnen alles von ihm auf. Wenn die "Chemie" zwischen Euch stimmt, nimmst du ihm ab, was er sagt. Das ist Vertrauen. Das kann nicht erzwungen werden.
Menschen, die zu mir kommen, sind oft überrascht, wie normal ich bin. Ich bin der Kumpel, mit dem man einen Kaffee oder ein Bier trinken und ins Kino gehen kann. Sie sehen keinen unerreichbaren weissbärtigen indischen Guru vor sich, sondern jemanden, der so ist und so spricht, wie sie. Das wirkt sehr beruhigend und ermöglicht es ihnen, vertrauensvoll loszulassen und die Suche zu beenden.
Übrigens: Du musst dir nicht bewusst werden, dass SEHEN immer da ist. Falls dein Verstand die Metapher von der Brille so auffasst, dann ist die Metapher für dich leider falsch gewählt. Das ist eben oft so mit diesen verflixten Metaphern und Gleichnissen. Du musst NICHTS tun. Lebe, wie das Leben dich lebt. Jeder Moment ist vollkommen, auch der Moment der Suche und der Verzweiflung. Entspanne dich und tue am besten etwas, was du von dir aus gerne tust. Denke nicht darüber nach, weshalb du das tust. Das ist es.
Mein indischer Guru sagt: Europäer und Amerikaner sind von Grund aus gierig, immer auf Beutefang. Wer nicht zuerst direkt von VEDA (WISSEN) belehrt wird, versteht Advaita Vedanta nicht. Übrigens mein Guru uralter vedischer Tradition reagiert sehr gereizt, wenn jemand sagt: "Hier ist niemand". Was sagst du dazu?
Ich kann mich sehr gut in deinen Guru einfühlen. Er wurde jahrelang in seiner jahrtausendealten Tradition erzogen, vielleicht sogar gedrillt, und dann kommen die ignoranten Westler, die gierigen Imperialisten und verwässern seine ihm wichtige Tradition, indem sie "heilige" Sanskritwörter missbrauchen.
Das Problem am Ganzen ist wahrscheinlich, dass es im Westen noch keine sinnvollen Alternativbegriffe für diese Art von "Wahrheitsvermittlung" gibt. Wenn du in eine Buchhandlung oder ins Internet gehst, findest du zum Beispiel Tony Parsons unter der Rubrik oder unter dem Suchwort "Satsang" bzw. "Neo-Advaita". Dies ist der einzige Grund, weshalb ich die Worte "Satsang" und "Advaita" überhaupt auf dieser Webseite verwende. Du und viele andere Suchende hätten sie sonst vermutlich gar nie in den Weiten des Internets gefunden.
Zum Konzept "Hier ist niemand": Es ist diese eine Aussage westlicher "Hardcore-Nondualisten", die in mir ganz persönlich eine grosse Resonanz ausgelöst hat und mir das grösste Vertrauen geben konnte, während ich mit "heiligen Schriften" wie der Bibel, der Bhagavad Gita oder den Upanishaden einfach nie richtig warm wurde. Die Kernaussagen sind mir dort viel zu verwässert und es sind mir viel zu viele Wörter, Umschreibungen und Geschichten vorhanden. Ich wollte die "Faust der Wahrheit" lieber voll ins Gesicht und mir nicht 1000 Leben lang meinen Verstand mit indischen Versen füllen lassen. So sind wir Westler eben manchmal. Jeder Mensch ist anders konditioniert worden.
Natürlich ist mir heute die Kernaussage dieser Schriften vollkommen klar, aber nur, weil der Verstand nun nicht mehr dazwischenfunkt. Der ganze Umweg über heilige Schriften und Meditation war für mich, so scheint es, unnötig. Mit dem Erwachen war augenblicklich Klarheit da. Der Fokus ist immer auf den Kern der Wahrheit gerichtet, so wie der Finger des Meisters permanent auf den Mond zeigt, seine Schüler aber die Hand studieren.
Bitte gehe unbedingt nochmal auf die Wahrheit "mit dem Auftauchen der Antwort fällt die Identifikation weg" ein. Wie kann das identifizierte "kleine Ich" am schnellsten verschwinden, damit die Antwort auftaucht? Wie lässt das "kleine Ich" vertrauensvoll von sich aus los? Ist es die Angst vor dem Sterben? Muss es freiwillig absterben? Bitte gib uns eine Metapher.
Das Wort, das ich dir mitgeben möchte, ist "Entspannung". Nimm es locker. Du musst und du kannst nichts tun. Du musst nicht loslassen und nicht sterben, ja nicht einmal entspannt sein (klingt wieder mal paradox). Es muss nichts geändert werden.
Hier noch ein weiteres dualistisches Betthupferl für Dich:
Falls es dir gut tut, kannst du ja versuchen, bei allem, was du tust, ein Gefühl in Dir tragen, das du unbewusst noch gut kennst. Ein Grundton aus der Zeit, wo Du noch als Baby in der Wiege lagst. Eine Art unbedingtes Vertrauen, dass alles, was ist, vollkommen ist, so auch die konditionierten Handlungen und Gewohnheiten "deines" Körpers, wie unspirituell und lästig sie auch immer sein mögen.
Freunde dich mit dem Konzept an, dass der freie Wille, absolut gesehen, eine Illusion ist. Dass das, was du für dich hältst, eine Feder im Wind ist, eine Welle im Ozean, eine Lilie auf dem Felde (jaja, schon ganz andere Kaliber versuchten, dies zu erklären, und scheiterten kläglich). Viel Glück!