In der spirituellen Literatur liest man häufig den Begriff "Ego". Das Ego wird eigentlich immer als schlecht dargestellt, also als etwas, wovon man sich befreien muss. Was ist eigentlich genau damit gemeint?

Der Begriff "Ego" wird in der spirituellen Literatur häufig verwendet und ist meist negativ behaftet. Das Ego wird oft als etwas Böses beschrieben, das einen daran hindert, befreit zu werden. Ausserdem scheint jeder spirituelle Lehrer etwas anderes unter dem Ego zu verstehen.
Das Ego ist also ein recht problematischer Begriff, der zwar den Verstand intensiv mit Definieren beschäftigt, aber insgesamt mehr Verwirrung stiftet, als dass er Klarheit schafft.
Deshalb schlage ich vor, das Ego, ebenso wie den Verstand, bloss als eine Ansammlung von Gedanken zu betrachten. Diese "Ego-Gedanken" sind nicht wichtiger oder spezieller als andere. Ob ich nun über meinen bevorstehenden Lebensmitteleinkauf nachdenke oder über die Abgrenzung "meines" Egos gegenüber "anderen" Egos, ist egal. Gedanken sind Gedanken. Sie sind im Grunde genommen vollkommen leer. Nichts. Sie kommen, sie gehen. Im Falle des Egos hat sich vor langer Zeit einmal ein einziger unter Milliarden von Gedanken mit vielen anderen Ge-danken zu identifizieren begonnen und ist seither intensiv mit diesem Identifikationsgebilde beschäftigt. Ich sage diesem Gedanken "Trennungsgedanke". Er erschafft eine getrennte Person (das "Ichlein") mit eigenen Charaktereigenschaften und eigener Geschichte.

Wenn du sagst, dass ich keinen freien Willen habe und nichts tun kann, damit es mir besser geht, stresst mich das sehr. Ich bin ungeduldig und möchte irgendetwas tun, was die Situation ändert. Ich kann nicht einfach nur rumsitzen und warten.

Es ist völlig klar, dass dich dieser Gedanke stressen muss. Doch dieses "Du", also die Person, die gestresst ist, ist bloss ein winzig kleiner Gedanke, der ein aufgeblähtes Gebilde namens "Ich bin ein getrenntes Individuum" aufgebaut hat und es nun mit allen Mitteln zu verteidigen sucht. Das Festhalten am Konzept eines freien Willen hält diesen Zustand verbissen aufrecht. Ein sehr anstrengendes Unterfangen.
Doch wenn ich mit dir hier so spreche, spreche ich nie mit dir als scheinbares Individuum. Dieses interessiert mich nicht, auch wenn dies vielleicht anfangs herzlos klingen mag. Ich spreche zu mir selber als Einheit, wenn ich mit dir spreche. Zum wahren Selbst von uns beiden. Das, was du wirklich bist, Einheit, reine lebendige Existenz muss absolut nichts tun, um einfach nur zu SEIN. Dieses "einfach nur sein" ist immer unendliche Freiheit und Glück, auch wenn das scheinbare "kleine Ich" unglücklich, unfrei oder gar depressiv ist.
Du fragst, was du tun kannst, weil du ungeduldig bist. Nun, was tust du denn normalerweise so? Was liegt dir? Was tust du normalerweise freiwillig gerne, ohne dass dich jemand dazu zwingen muss? Das kann irgendwas sein, z.B. lesen, essen, fernsehen, Fussball spielen, meditieren, boxen, schlafen, arbeiten, auf einem Stuhl sitzen und die Zeitung lesen, Kaffee trinken etc. Es spielt keine Rolle.
Ich schlage dir vor, wenn du irgendetwas tun möchtest, tue einfach diese Sachen, die für dich keine Anstrengung bedeuten, da du sie ja sowieso gerne tust, und vergiss das Konzept des freien Willens, des unendlichen Glücks und der Freiheit und lebe, wie das Leben dich lebt. Das ist es.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen "Erwachen" und "Befreiung"?

Ich kann dir dazu aus eigener Erfahrung folgendes sagen: Erwachen geschieht in einem einzigen Augenblick, der sehr genau zeitlich eingeordnet werden kann. Es ist die plötzliche Erkenntnis, dass da zwei "Ich's" sind: das persönliche "kleine Ich" (Identifikation) und das unpersönliche "ICH" (Einheit). Solange aber dieses Wachsein vom persönlichen Ich als ein Zustand betrachtet wird, den es behalten möchte, da er als angenehm empfunden wird, kann nicht wirklich von Befreiung gesprochen werden. Befreiung tritt erst mit dem Verschwinden dieser Person ein, die im Zustand des Erwachens weilen will. Der Erwachte muss, bildlich gesprochen, aus dem gläsernen Turm der Weisheit (= männliches Prinzip) ausbrechen und sich im Ozean der Liebe (= weibliches Prinzip) auflösen. Dieser Vorgang kann unterschiedlich lange dauern. Danach kann nicht mehr von einer erwachten Person gesprochen werden, sondern von unpersönlicher Freiheit.

Ist Erleuchtung, wenn Bewusstsein sich selbst bewusst ist?

Wenn ein Lehrer dualistisch lehrt, wird er es wahrscheinlich so definieren. Non-dualistisch gesehen macht diese Definition keinen Sinn. Daher bevorzuge ich die Definition, dass Erleuchtung da ist, wenn "niemand" (also keine Person) mehr da ist, die Erleuchtung erfahren bzw. sich mit dem "Zustand Erleuchtung" identifizieren könnte.
Das ist übrigens auch der Grund, weshalb kein Meister einem Schüler auf dessen Nachfrage hin bestätigen würde, dass dieser nun erleuchtet sei. Erleuchtung braucht keine Bestätigung, weil niemand mehr da ist, der sich fragt, ob er nun erleuchtet sei oder nicht.

Ist wirklich "niemand" mehr da? Ist es nicht so, dass, wenn der "Ich"-Gedanke erloschen ist, DAS da ist, was ICH BIN, Präsenz, also der "Raum", in dem Mensch und Welt erscheinen?

Das "ICH BIN" oder "Präsenz" oder "Einheit" ist vollkommen unpersönlich. "Niemand mehr da" heisst, dass keine Person im eigentlichen Sinne mehr da ist, also niemand mehr, der sich mit irgendetwas identifiziert, also auch nicht mit Präsenz oder Einheit. Ich kann also nicht sagen: "ICH bin reine Präsenz", oder Einheit, Licht, Leere, Fülle oder wie immer Du das nennen willst, sondern – wenn schon – "da ist nur reine Präsenz".

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