Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem modernen „Neo“-Advaita und dem klassischen Advaita Vedanta? Das moderne westliche Neo-Advaita kommt bei mir rüber, wie wenn ein Chirurg ohne ein Studium und eine praktische Ausbildung operieren würde.

Da der Verstand alles analysieren und einordnen möchte, dessen er sich bemächtigt, macht er zwangsläufig aus allem eine Lehre, also eine Wissenschaft.
Wenn der Verstand sich nun mit der Einheit beschäftigt, geht er genau gleich vor. Er macht mittels der Technik der Analyse zwei und mehr Teile aus der Einheit. Er baut ein möglichst kompliziertes Gedankenkonstrukt auf und nennt dies dann zum Beispiel "Religionswissenschaften", "Philosophie" oder "Lehre des Advaita Vedanta".
Der Begriff "Neo-Advaita" ist leider etwas unglücklich gewählt, da eine "Neue Nicht-Zweiheit" keinen Sinn macht. Der Non-Dualismus, wie ich ihn definiere, kümmert sich nicht um die Form des traditionellen indischen Advaita Vedanta. Er hat sich nur das Sanskrit-Wort "Advaita" entlehnt, mehr nicht.
Vergiss also Advaita und Neo-Advaita. Es ist nur unnötiger Ballast. Hier geht es nicht um Worte, sondern um das EINE, um das direkte, ungefilterte Vermitteln dessen, was nicht vermittelt werden kann. Hier in Europa und nicht in Indien, in Deutsch und nicht in Marathi oder Tamil. So lange, bis der Verstand aufgibt.
Nun zu deinem interessanten Vergleich. Ich würde das so formulieren: Wo es keinen Patienten gibt, besteht keine Notwendigkeit für einen Chirurgen. Dieser kann einen vollkommen Gesunden nicht gesünder operieren, auch wenn er noch so gut ausgebildet ist. Die Operation findet also nicht statt, weil sie als unnötig erkannt wurde, und zwar von "niemandem" (und dieser "Niemand" hat erst noch keinen Doktor, also wirklich, tststs).

Oliver, leidest du nicht mehr? Und ärgerst dich nicht mehr? Oder bist du noch wütend?

Da kann immer noch Ärger auftauchen, auch Traurigkeit oder Angst. Ganz gemäss der – ab einem gewissen Alter meist sehr starken – Konditionierung des psycho-biologischen Apparates namens menschlicher Körper. Alles kann auftauchen. Da ist einfach Ärger und es können Handlungen stattfinden, um diesen Ärger, der als Energie im Körper wahrgenommen wird, abzubauen. Es sind aber keine Gedanken mehr da, die den Ärger personifizieren, ihm eine persönliche Geschichte geben und ihn schüren und aufblasen. Ohne diese Geschichte verschwindet der Ärger sehr rasch. Doch wie stark der Ärger oder die Traurigkeit auch immer sind: der unpersönliche Grundton von tiefem Frieden ist immer allgegenwärtig.

Wenn unser Leben vorbestimmt ist, heisst das, dass wir nichts tun können? Alles geschieht, wie es geschehen soll? Also alles ist gewissermassen "Gottes Plan"?

Das Leben, die Welt, das Universum geschieht einfach. ALLES geschieht einfach. Ohne Plan und ohne Ursache (Schöpfer), ohne Zeit und ohne Raum. Der Verstand, der denkt, er sei eine separate Person mit eigenem Willen, geschieht einfach. Entscheidungen und Handlungen geschehen, ohne dass es jemandes Entscheidungen oder Handlungen sind.
Und nach jedem "geschehen" darfst du dir ein "scheinbar" denken. Denn eigentlich geschieht gar nichts. Da ist nur Einheit. Du bist unendlich frei. Du bist die Feder im Wind. Und du bist der Wind.

Der Gedanke, dass alles EINS ist, dass ich also vollkommen alleine bin, ängstigt mich eher als dass er mich erfreut. Ich fühle mich dann so einsam.

Das ist so, weil dieser Gedanke automatisch "Alleinsein" mit "Einsamkeit" gleichsetzt. Absolut alleine zu sein heisst nicht, einsam zu sein. Nur ein getrenntes Ich, also eines, das sich ohne andere getrennte Ichs gar nicht vorstellen kann, kommt auf die Idee, dass eine Welt ohne andere Ichs einsam sein könnte.
In der absoluten Einheit wird Leere nicht als Einsamkeit, sondern als Verschmelzung mit ALLEM empfunden, was ungefähr mit den Worten Freiheit, Friede, Glück und Liebe beschrieben werden kann. Da diese Empfindung unpersönlich ist, braucht es auch keine Anderen, die einem Freiheit, Friede, Glück und Liebe bescheren müssen. Die Anderen sind auch die Einheit.

Es heisst, man müsse alles loslassen, um vollkommen befreit zu werden. Was heisst das genau?

Die konditionierte Vorstellung der Menschen in dieser dualen Welt von Zeit und Raum ist die, dass alles immer eine Ursache haben muss. Damit vollständige Befreiung stattfinden kann, so wird oft behauptet, muss zuerst etwas geschehen. Es muss zum Beispiel etwas losgelassen werden (zum Beispiel die Angst, das Materielle, bestimmte Gedanken etc.), oder es muss ein "Tor zur Erleuchtung" durchschritten oder ein Sprung in die Freiheit getan werden. Die Liste ist unendlich lang.
Doch da ist niemand, der oder die irgendetwas loslassen könnte oder müsste. Einheit kann Einheit nicht loslassen. Auch nicht durchschreiten. Einheit war, ist und bleibt immer Einheit. Es muss auch kein Reichtum aufgegeben werden (ausser man möchte fortan lieber auf der Strasse leben). Der Reichtum selber IST Einheit. Es muss auch kein "unwürdiger" Gedanke aufgegeben werden. Dieser Gedanke ist auch Einheit.
Befreiung geschieht also nicht als Folge des Aufgebens von irgendetwas, sondern, wenn du so willst, TROTZ des Aufgebens. Einheit war vor dem Aufgeben da und Einheit wird auch nach dem Aufgeben da sein. So wie Wellen im Ozean immer da und immer der Ozean sind. Befreiung ist genau JETZT.

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