Erwachte, verwirklichte Menschen sprechen häufig vom ICH BIN, das der Schlüssel zu allem sei. Ich kann damit nichts anfangen. Ich kann mir das nicht vorstellen.

Das unpersönliche ICH BIN ist für die Menschen irritierend, weil der Verstand es automatisch mit der Identifikation mit einem persönlichen Ich (inklusive "meinem" Körper) gleichsetzt. Die Anwesenheit des unpersönlichen ICH BIN, das immer präsent ist, wird erst dann akzeptiert, wenn dieser eine Identifikationsgedanke abfällt. Das ICH BIN wird dann als eine Art Grundton von unpersönlicher Existenz empfunden, das ALLES mit einschliesst. Es ist Einheit.
Dieser Grundton, der mit unendlicher Freiheit gleichgesetzt werden kann, ist bestens bekannt, da er immer in jedem Moment in der Symphonie des Lebens mitschwingt.
Kümmere dich also nicht um das ICH BIN. Entspanne dich und tue, was auch immer du gerade tust. Das ICH BIN ist auch dann.

Wie sind die Emotionen, wenn man "erleuchtet" ist? Verändert sich da was?

Die Frage impliziert die Annahme, dass Erleuchtung ein Zustand sei, der sich von einem "unerleuchteten" Zustand unterscheidet. Erleuchtung ist aber kein Zustand, den "jemand" erreichen und behalten kann. Wenn schon, dann ist Erleuchtung der Zustand des Zustandslosen. Das heisst: Alles kann sich ändern, oder auch nicht. So auch Emotionen wie z.B. Freude, Trauer, Ärger etc., also im Körper gespeicherte Energien. Es ist nur niemand mehr da, keine Instanz, die etwas ändern oder kontrollieren möchte. Änderungen geschehen einfach. Emotionen geschehen einfach, so wie sie schon immer einfach nur geschehen sind.
Emotionen kommen und gehen, wie sie es sich seit jeher gewohnt sind. Je nach Konditionierung, also je nach Temperament und Charakter, kommen sie von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark zum Ausdruck.
Metaphorisch gesprochen können Emotionen mit Wellen auf dem Ozean des Lebens verglichen werden. Sie kommen und gehen. Manchmal stärker, manchmal schwächer. Du bist der Ozean, und die Wellen sind auch der Ozean, so hoch sie auch sein mögen.

Ich habe Phantasien und Projektionen, die im Kopf rattern, mich ablenken, mich aus dem Gleichgewicht werfen und mich schwächen. Mein Verstand dreht und dreht sich. Das stört mich sehr.

Was hier beruhigend wirken kann ist der Gedanke, dass alles, alle Phantasien und alle Auflehnung gegen diese Phantasien, einfach nur Gedanken sind, und dass Gedanken im Grunde genommen NICHTS sind. Leer. Sie kommen und gehen, wie Wellen im Ozean, wie Wolken am Himmel.
Ob diese Gedanken nun sogenannte Phantasien oder Projektionen oder wie auch immer du sie benennen magst, oder ob es sich nur um den EINEN Gedanken der Identifikation mit einer getrennten Person handelt: Wen interessiert's? Weshalb sollte gerade diesen paar wenigen Gedanken aus den Abermillionen von Gedanken, die andauernd auftauchen und wieder verschwinden, eine solche Aufmerksamkeit geschenkt werden? Es scheint mir beinahe so etwas wie eine Sucht nach diesen paar Gedanken zu sein, die in der persönlichen Werteskala als "schlimm" und "störend" bezeichnet werden.
Dem Sein (Ozean) ist es egal, ob Gedanken (Wellen) da sind oder nicht. Gedanken in Form des arbeitenden Verstandes sind im täglichen Leben ja äusserst praktisch. Sie können selbstverständlich auch "nach der Erleuchtung" immer noch da sein, werden aber nicht mehr als Störfaktor empfunden, sondern als EINHEIT in Form von Gedanken erkannt - von "niemandem" erkannt - und einfach sein gelassen.
Vollkommene Stille, wie sie zum Beispiel während der Meditation gesucht wird, entsteht nicht durch den Wegfall von Gedanken, sondern durch den Wegfall derjenigen Person, die sich mit diesen Gedanken identifiziert.
Kümmere dich also nicht um Phantasien und Projektionen. Es sind nur Gedanken. Wenn sie da sind, sind sie da. Wenn sie weg sind, sind sie weg. Ganz ohne Sinn und Zweck. Gedanken kommen, Gedanken gehen. Das was immer bleibt, bist und warst immer nur DU. Einheit.

Wie kann ich mir klar werden, wann ich etwas aus falschen Beweggründen tue. Was ist ein richtiger Beweggrund für eine Handlung?

Grundsätzlich gibt es natürlich keine richtigen oder falschen Beweggründe einer Handlung. Entscheidungen werden gefällt, ohne dass "jemand" das Gefühl haben muss, es seien "seine" oder "ihre" Entscheidungen. Da ist niemand, der einen Einfluss darauf haben könnte, welche Entscheidung gefällt wird. Es gibt keinen freien Willen, so hart es für den Verstand einer sich von der Einheit getrennt fühlenden Person auch klingen mag. DER FREIE WILLE IST EINE ILLUSION. Die vollständige Akzeptanz dieses Konzeptes bedeutet totale Befreiung.
Natürlich tut sich der beurteilende Verstand jeweils schwer vor einer scheinbar schwierigen Entscheidung. Doch der Film des Lebens ist bereits abgedreht und die "richtige" Entscheidung wird auch fallen, ob sich der Verstand nun schwer damit tut oder nicht. Die Entscheidung – wie auch immer sie ausfällt – ist immer so, wie sie ist und deshalb vollkommen. Sie kann gar nicht anders sein. Wertungen wie "richtig" oder "falsch", "gut" oder "böse" lösen sich im Einssein auf.
Natürlich kann der Verstand nach einer scheinbar von ihm gefällten Entscheidung seine Meinung ändern und sich anders entscheiden. Er kann sich gemäss seiner Konditionierung eine logische Abfolge von Argumentationen überlegen, die ihm sozusagen einen Grund geben, seine Entscheidung wieder rückgängig zu machen. Er sagt dann zum Beispiel, dass ein falscher Beweggrund hinter seiner Entscheidung stand. Das ist gut so. Es sind trotzdem immer noch Handlungen, die einfach geschehen. Wenn der Zeitpunkt für eine Handlung da ist, dann geschieht sie, Beweggrund hin oder her.

Kannst du mir sagen, was eigentlich mit dir genau passiert ist? Oder ist überhaupt etwas passiert?

Beides. Es muss anscheinend irgend etwas passiert sein, sonst gäbe es dieses Buch nicht. Andererseits steht in diesem Buch, dass nichts geschehen muss, um dich zu dem zu machen, was du schon bist. Paradox, nicht?
Wie bei jedem Suchenden begann auch bei mir die Suche nach dem „verloren geglaubten Paradies“ mit dem Beginn der scheinbaren Trennung von der Einheit in meiner frühesten Kindheit. Vorher war nur Einheit, also keine Trennung in Subjekt (Ich) und Objekt (Du).
Als der Trennungsgedanke irgendwann in den ersten Lebensjahren auftauchte, erschien mit ihm sogleich eine tiefe Sehnsucht. Ein Gefühl, irgendetwas Wunderbares verloren zu haben. Die unbewusste Suche nach der Einheit, nach diesem schon einmal erlebten Frieden, war von da an mein ständiger Begleiter.
Dass das Gesuchte immer da ist und nie weg war, wurde einfach vergessen. Das Naheliegendste, Einfachste wurde übersehen. Der spirituelle Verstand begann etwas zu suchen, was er nie finden konnte. Als ob das Auge versucht, sich selber zu sehen. Ein aussichtsloser Kampf. Doch auch er ist Teil des leela, des göttlichen Spiels, auch Leben genannt. Auch er ist vollkommen.
Die Suche nach Einheit führte mich sehr schnell auf religiöse und spirituelle Pfade, in der Annahme, diese seien besser geeignet, Einheit, Gott oder wie auch immer man es nennen möchte, zu finden.
Ich begann, in meinem Verstand Konzepte anzuhäufen, die ich aus Tausenden von Seiten spiritueller Literatur zusammengetragen hatte. Diese Konzepte waren interessant, spannend, intellektuell logisch und wurden vom Verstand geradezu verschlungen. Sie trugen dazu bei, die Konditionierung des "Körper-Verstand-Komplexes" zu ändern. Ich wurde "bewusster", ruhiger, gefasster. Aber das Gesuchte blieb verborgen. Scheinbar verborgen.
Die vielen Konzepte brachten meinen Verstand beinahe um sich selber. Mein Kopf kochte vom vielen Denken. Bis plötzlich Worte aus Büchern des sogenannten "Neo-Advaita" ("Non-Duality"-Literatur) in Form von Transkriptionen von Satsangs in mir Resonanz erzeugten. Diese Worte rieten mir, alle Konzepte fallen zu lassen und nicht mehr zu suchen. Es einfach sein zu lassen und sich nicht mehr um die Konzepte "Erleuchtung", "Erwachen" und "Befreiung" zu kümmern. Still zu sein. Nach Hause zu gehen, Tee zu trinken und die Zeitung zu lesen.
Wow, welch eine unglaubliche Freiheit! Ich wusste tief im Innern, dass diese Worte wahr sein müssen und stellte sie seither nicht mehr in Frage.
Klarheit tauchte eines Nachts auf. Ich schlief mit dem Gedanken ein, dass von nun an jede Veränderung positiv ist, so auch die von mir ersehnte grösstmögliche Veränderung, nämlich der Tod. Ich schlief ein im Vertrauen darauf, dass dieser Tod nicht der physische Tod des Körpers bedeutet, sondern nur der Tod des einen Trennungsgedankens.
Da lösten sich innerhalb eines Augenblicks die Gegensätze Tiefschlaf, Traum und Wachsein auf und mit ihnen das Gefühl einer persönlichen Täterschaft, also einer Identifikation mit einem separaten Ich-Gedanken. Das Ereignis an sich war vollkommen unspektakulär, da das wahre Selbst das Vertrauteste ist, das es gibt. Es war mit keinen Explosionen im Gehirn verbunden, keinen leuchtenden Tunneln oder übersinnlichen Erscheinungen. Aha, so unglaublich simpel ist es also! Die Grenze zwischen Schlaf und Wach sein, zwischen Leben und Tod existierte nicht mehr.
Damit wir uns richtig verstehen, dies ist die persönliche Geschichte des "Körper-Verstand-Komplexes" namens Oliver. Sogenannt spirituelle, übersinnliche Erfahrungen können natürlich auch auftauchen. Alles kann auftauchen. Doch es geht hier nicht um körperliche oder psychische Erfahrungen einer kleinen individuellen Welle im Ozean des Seins, denn was auftaucht, kann auch wieder verschwinden. Irgendwann. Vielleicht. Es kann nicht festgehalten werden. Nichts kann festgehalten werden. Wahrheit, die festgehalten wird, ist keine Wahrheit mehr. Diese Erkenntnis bedeutet totale Befreiung, allerdings für "niemanden", da niemand mehr da ist, der diese Erkenntnis personifizieren kann.
Das Einzige, was immer da ist, ist eine Art Grundton von Existenz. Es ist gewissermaßen die kleinstmögliche Ausprägung des nondualen Seins im Körper. Alles andere sind Konzepte vom Verstand, dieser Ansammlung von Gedanken, die nichts anderes tut, als pausenlos Konzepte zu erstellen. Dieses ICH BIN, dieser Grundton, der ohne die geringste Anstrengung einfach da ist, ist der Urgrund für die Welt, die in mir erscheint. Ohne dieses ICH BIN gibt es keine Welt. Es ist der erste Gedanke, der aus dem Sein aufsteigt und eine scheinbare dualistische Welt entstehen lässt. Eine Welt, die nur eine Gedankenform ist.
Dieser Grundton war schon immer da. Er begleitete mich die ganze Zeit. Er ist das Naheliegendste, was es gibt. Er ist das Einzige, was WIRKLICH ist. Er ist Einheit.
Das ICH BIN, ICH EXISTIERE ist so nahe, das man es immer übersieht. Wie eine Brille, durch die man die ganze Zeit hindurchsieht, jedoch vergessen hat, dass man sie trägt. Es ist das Offensichtlichste, was es gibt. Es offenbart sich nur in der Abwesenheit des Verstandes, der es behalten und verstehen will. Wenn der Verstand für einen winzigen Augenblick ruhig ist, wenn er für einmal nichts einteilen und nichts analysieren möchte, dann ist es da. Dann lässt der Verstand es in Ruhe und kümmert sich in seiner Funktion als arbeitender, organisierender Verstand um das, was gerade im täglichen Leben getan werden muss. Das kann alles Mögliche sein, ganz gemäss "deiner" Konditionierung oder besser, der Konditionierung des psycho-biologischen Apparates, mit dem du dich einst identifiziert hast.
Der "Körper-Verstand-Komplex", der früher mit einer Person namens Oliver gleichgesetzt wurde, funktioniert perfekt weiter gemäss der Konditionierung durch Vererbung, Sozialisation und Lebenserfahrung. Doch es ist niemand mehr da, der involviert ist in dieses leela, dieses göttliche Spiel. Es wird als das erkannt, was es ist. Als Gedankenform, die wie eine Welle aus dem Ozean des Seins aufsteigt und wieder absinkt. Es ist der Tanz des Lebens.

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